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Auf acht Rollen durch den Fleischwolf

Roller Derby im Bremer Paradice - Die Eastside Rock’n Rollers aus Enschede zu Gast bei den Bremer Meatgrinders


Am Samstag, den 11.10.2014 gaben sich zwei Mannschaften ganz besonderer Couleur die Ehre und trafen sich zu einem in norddeutschen Gefilden eher seltenen Sport-Event. Dazu nun ein kleiner Leitfaden für völlig Ahnungslose von einem nicht mehr ganz so Ahnungslosen.


Wer so gar nichts von Sport versteht, wird es zunächst etwas schwer haben. Diejenigen, welche eine gewisse sportliche Vorkenntnis mitbringen, steigen vielleicht ganz allmählich hinter die Geheimnisse dieser, trotz aller Komplexität, hochspannenden Sportart. Ich gehöre zur ersten Gruppe und kann alle, denen es genauso geht, beruhigen. Auch wer völlig im Dunkeln tappt, wird hier voll auf ihre oder seine Kosten kommen und von diesem Ereignis noch sehr lange sprechen. Es geht um das aus den USA stammende Roller Derby.


Einige werden sich jetzt vielleicht dunkel erinnern: „Gab es da nicht mal einen Film? War der nicht mit Drew Berrymore?“ Richtig, reicht aber nicht. Zunächst einmal spricht man beim Roller Derby nicht von Spiel oder Match, bei der Austragung handelt es sich um einen „Bout“, und so ging es dann auch unter dem Motto „another bout in paradice“ in einer der Eislaufhallen des Bremer „Paradice“ zur Sache.


Bremen – Niederlande


Schlittschuhe und Eis sind an diesem Wochenende allerdings Mangelware. Der Bout wird auf Rollschuhen absolviert, den klassischen Roller-Skates, auch als Disco-Roller bekannt. Vier Rollen unter jedem Schuh, eine an jeder Ecke. Auch einen Ball, Puck oder Schläger wird man vergebens suchen. Beim Roller Derby handelt es sich um einen Vollkontaktsport. Männer? Ja, die findet man. Als „Referees“ oder kurz „Refs“ bilden sie das schiedsrichtende Personal. Die beiden Mannschaften hingegen sind ausschließlich weiblich. Es wird im Rundkurs gefahren: dem „Flat Track“. Die aus dem Kinofilm bekannte Steilkurven-Variante ist etwas seltener. Ziel ist es, durch vielerlei taktische Manöver und Spielzüge Punkte zu machen, indem die „Jammerin“ die Gegnerinnen mit Hilfe ihres „Packs“ überrundet. Dabei versucht das „Pack“ unter anderem durch geschicktes Blocken die Kontrahentinnen am erfolgreichen Spiel zu hindern. So oder so ähnlich.


Und genau an diesem Punkt gibt es zwei Möglichkeiten: entweder gründlich zu recherchieren um den Leser mit den Regeln und technischen Details zu beeindrucken oder ein wenig über die Faszination dieses tollen Sports zu schwadronieren.


Ich habe mich für die zweite Variante entschieden. Es spart Arbeit und mit der sportlich, technischen Ausführung könnte man wahrscheinlich ein ganzes Buch füllen. So komplex geht es beim Roller Derby zu. Ein Narr, wer jetzt noch das verklärte Bild von den drallen Mädels im Kopf hat, die sich gegenseitig aus der Bahn schubsen. Filigranes Geschick ist gefragt, so wild und chaotisch das ganze Unterfangen dem Laien zunächst auch erscheint.


So technisch aufwendig, so kräftezehrend und vielseitig dieser Sport ist, so spannend, turbulent und fröhlich ist er auch.  Die Zuschauerränge sind zurecht voll besetzt, es herrscht schon vor der Halle eine ausgelassene und ansteckende Atmosphäre. Kinder schwenken Fahnen mit den Logos der Mannschaften, es prangen originelle und witzige Transparente an der Bande. Die Mädels der gastgebenden Meatgrinders hängen den Gästen Hulakränze um, es läuft Musik, es wird gelacht. Dann laufen die beiden Mannschaften ein und werden zu ihrer jeweiligen Erkennungsmelodie vorgestellt. Jedes Teammitglied hat einen augenzwinkernd martialischen Kampfnamen – eine gute Einstimmung. Beim Anpfiff zur ersten Halbzeit fiebert das Publikum schlagartig mit, feuert an und leidet mit den Rollergirls. Ja, es geht hart zu im Track. Bei dem rauen Spielverlauf gehen die Teams doch auffallend fair und sportlich miteinander um. Man hilft sich wieder auf die Beine und kümmert sich um seine Gegner- und Mitstreiterinnen. Ist eine Spielerin gestürzt und benötigt erste Hilfe, bilden die schwarz-weiß-gestreiften Referees ein lebendes Sichtschutzelement gegen allzu neugierige Blicke.


Anstatt sich in der Halbzeitpause missgünstigste Blicke zuzuwerfen, starten die beiden Mannschaften spontan eine Art Rollschuh-Raupe und entertainen fröhlich ihr Publikum. Es ist eine Riesenparty. Und wie es sich bei Parties gehört: Wenn man es richtig krachen lässt, gibt es am Ende auch immer eine Schadensbilanz. Etliche blaue Flecken, Prellungen und Schwellungen sind zu verzeichnen. Die letzten Reserven sind erschöpft und den Rollergirls sind die Strapazen deutlich anzusehen. Trotzdem wundert man sich, wieviel Freude und Glück einem aus derart schmerzverzerrten Gesichtern noch entgegenstrahlen kann.


Ausgelassen und nebenbei die Wunden leckend wird, nachdem noch reichlich Fotos der Teams und Referees gemacht wurden, langsam abgebaut und aufgeräumt. Für abends ist noch eine Party geplant. Ich bekomme ein Bier in die Hand gedrückt. Die Halle leert sich und ein wunderschöner und turbulenter Nachmittag geht zu Ende.


Ach ja, wer hat eigentlich gewonnen? Als alter Bremer und neuer Fan der Meatgrinders befinde ich dieses Thema mal für unwichtig und freue mich auf den nächsten Bout im kommenden Frühjahr. Ein Gruß geht noch an die sympathischen Gegnerinnen aus Enschede. Ich schließe mit der Frage: Schon Mal beim Roller Derby gewesen?


Nein? Dann wird’s Zeit!


Autor: Edgar Kamphaus


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