Tori Amos – „In Times of Dragons“ live im Metropol Theater Bremen

Seit Anfang April befindet sich Tori Amos auf großer UK- und Europa-Tour zu ihrem neusten Album „In Times of Dragons“, dessen Release-Day sie am 1. Mai in Frankfurt feierte. Wie schon bei ihrer letzten Tournee vor drei Jahren war unsere Hansestadt auch dieses Mal wieder Teil ihrer Tour-Dates und so beglückte sie am gestrigen Sonntagabend ihre Fans im Metropol Theater Bremen.

Den Verkaufsstart von Weltstar Tori Amos‘ neustem Werk darf man getrost als vollen Erfolg werten! In Deutschland stieg ihr 18. Studioalbum „In Times of Dragons“ auf Platz 6 der „Top 100“-Album-Charts ein. Im Vereinigten Königreich fand es sich in der ersten Woche auf Platz 13 „overall“ wieder, Platz 4 physisch, bei den CD-Verkäufen sogar auf Platz 3 und 7 bei Vinyl-Verkäufen. Damit ist es Amos‘ „best week 1“-Album seit „Scarlet’s Walk“ (2002) und der höchste UK-Chart-Einstieg seit „Unrepentant Geraldines“ (2014). Auch in Australien (Platz 20 physisch, 11 digital), der Schweiz (Platz 10 der Album-Charts) und den USA (Platz 10 „Top Album Sales“, 8 „Top Current Albums“, 7 „Top Digital“, 13 Vinyl) kommt das neue Werk der 62-jährigen Sängerin richtig gut an. Nach drei Jahren Live-Pause befindet sich Tori Amos aktuell auch wieder auf Tournee. Ihre „In Times of Dragons“ U.K.- & Europa-Tour ist laut Presseankündigung ihre größte Headline-Tour der vergangenen 10 Jahre und führt sie bis Ende Mai durch 17 verschiedene Länder. Im Anschluss geht es dann über den großen Teich nach Nordamerika, wo sie vom 7. Juli bis zum 2. September touren wird. Erst einmal stand aber am gestrigen Abend der letzte Deutschlandtermin in Bremen an.

Isaac Levi

Als Voract trat Singer-Songwriter Isaac Levi auf. Ich folge ihm eigentlich bereits seit Juni 2025 auf Instagram, hatte aber erst letzte Woche realisiert, dass er im Vorprogramm auftreten würde und mich um so mehr auf das Konzert gefreut. Sein Auftritt war wunderbar! Ganz allein, nur mit Gitarre und Vocal-Pedal stand er dort auf der nahezu unbeleuchteten Bühne und brachte seine selbstgeschriebenen Songs dar. Einfach pur und authentisch – keine Lichteffekte, kein Tamtam. Singer-Songwriter at it’s best! Er spielte ungefähr 30 Minuten – 6 eigene Songs, die im Grunde genommen alle von „Heartbreak“ und verflossenen Beziehung(en) handeln, und den Go Go Dolls-Klassiker „Iris“, einen meiner „all time favourite“-Songs. Isaac war sehr nahbar, sprach viel mit dem Publikum und wies mit Kommentaren wie „I play a lot of sad songs“, „from now on this only goes down“ und „I go on making you sad“ immer wieder augenzwinkernd daraufhin, dass seine Songs eigentlich sehr traurig sind. Außerdem erzählte er, dass er sonst in London wohnt und nun erstmals so weit weg auf Tour ist, vor so viel mehr Menschen als die 150, die bisher sein größtes Publikum gewesen seien. „If you know the lyrics, please sing with me“ forderte er vor „Iris“ auf – das Bremer Publikum reagierte zunächst verhalten. Doch bei einem seiner eigenen Songs schaffte er es dann doch, die Mehrheit zum Mitsingen zu animieren, was ihn sichtlich freute.
Some additional facts: Isaac Levi macht seit über 15 Jahren Musik und ist Absolvent des „Leeds Conservatoire“ (ehemals „Leeds College of Music“), Großbritanniens größter multidisziplinärer Hochschule für Musik und darstellende Kunst. Wie so oft in der heutigen Zeit war es letzten Endes Social Media, worüber er bekannt wurde. Im Jahr 2024 veröffentlichte er die EP „I think it stopped hurting…“ und die daraus stammende Single „The last song about you“ ging mit über 5 Millionen Views in den sozialen Netzwerken viral. Im Oktober des gleichen Jahres spielte er seine erste Headline-Show im ausverkauften „The Grace“ in London. Bei Insta folgen ihm mittlerweile 114.000 Menschen, bei TikTok ca. 75.000 und aktuell 543.846 monatliche Hörer bei Spotify runden diesen Social-Media-Erfolg ab.

In Bremen spielte er:

  • How Long Does It Take
  • Rest of me
  • Iris (Cover, Original: Go Go Dolls)
  • two years too late
  • Hazel
  • The Right Thing
  • not friends, not enemies

Tori Amos

Nachdem Isaac Levi die Bühne verlassen hatte, passierte eine ganze Weile lang erstmal gar nichts. Viele Zuschauende verließen zwischendurch kurz den Saal, vielleicht auch um sich noch schnell den einen oder anderen Schatz vom Merchandise-Stand zu sichern. Um fünf vor neun wurden die ersten dann allerdings ungeduldig. Rechts von mir versuchte jemand per Applaus Tori Amos auf die Bühne zu locken, zunächst vergebens. Zwei Minuten später, erhob sich jedoch wieder Applaus…erst vereinzelt, dann mehr und lauter, wie ein vehementer Ruf und tatsächlich wurde es daraufhin dunkel im Saal. Die Background-Sängerinnen Liv Gibson, Deni Hlavlinka und Hadley Kennary sowie Schlagzeuger Earl Harvin und Bassist Jon Evans, der später auch am Kontrabass brillierte, betraten die Bühne, gefolgt vom Star des Abends: Tori Amos! Vergessen war jegliche Ungeduld, das Bremer Publikum empfing sie jubelnd, mit lautem Applaus und Standing Ovations – das habe ich so, gerade im Bremer Metropol Theater – auch noch nicht erlebt. Man merkte, dass – auch wenn der Abend leider nicht komplett ausverkauft war – eine treue Fanbase mit ganz viel Liebe und Ehrfurcht für Tori Amos vor Ort war. Teilweise sogar aus England mitgereist und auf mehreren Konzerten dabei. Einfach super schön!

Tori Amos begann mit ihrem Opener „Fire to Your Plain“ von ihrem Album „Abnormally Attracted to Sin“ aus dem Jahr 2009 und begrüßte danach direkt das Publikum. Sie plauderte ein bisschen über die Tour und erzählte unter anderem, dass sie noch bis September unterwegs sein würden und wie wunderbar die Zusammenarbeit mit ihrem Team sei. „This incredible musicians, hopefully they won’t ditch me“, sagte sie und stellte daraufhin die Musiker und Backgroundsängerinnen auch gleich namentlich vor. (Hatte ich nicht gerade erst erwähnt gehabt, wie toll ich es fand, dass DJ BoBo selbiges recht früh getan hatte? Nun, Tori Amos war noch etwas schneller. Ich mag das sehr!) Beim Publikum bedankte sie sich „thank you all for coming to our shows, you bring the energy“ und fuhr dann mit ihrem zweiten Song „Shush“ fort, der auch der erste Song vom neuen Album „In Times of Dragons“ ist. An dieser Stelle wurde es spannend, denn wer die Tour von Tori Amos verfolgt hat, weiß: Die ersten drei Positionen (Song, Ansprache, Song) sind jeden Abend gleich, doch danach folgt eine Wundertüte an Songs aus ihrem riesigen Portfolio. In Bremen ging es weiter mit „In Times of Dragons“. Dass Tori Amos ihre Setlist wirklich jeden Abend variiert, finde ich absolut bemerkenswert und einzigartig! Viele Künstler:innen vergessen über die Jahre schon so manches Mal die Texte ihrer eigenen Songs und müssen diese dann ablesen (was ich wiederum aber auch menschlich und sympathisch finde) – Tori hingegen spielt einfach mal fast jeden Abend komplett andere Songs! Das hat natürlich auch zur Folge, dass man „Glück oder Pech“ haben kann, wenn es darum geht, dass vielleicht die eigenen Lieblingssongs gespielt werden, und da muss ich persönlich sagen: „Meine“ Setlist wäre die Hamburger gewesen. Auf der anderen Seite hat man so aber auch die Chance, echte Live-Raritäten zu hören, wie z. B. „Riot Poof“ vom Album „To Venus and Back“ (1999). Und natürlich lohnt es sich dadurch noch einmal mehr, sich mehrere Konzerte von Tori Amos anzuschauen. Langweilig wird es mit ihr auf jeden Fall nie!

Insgesamt bestand die Bremer Setlist aus folgenden Songs:

  • Fire to your Plain
  • Shush
  • In Times of Dragons
  • Don’t make me come to Vegas
  • Bliss
  • Crazy
  • Bells for her
  • Baker Baker
  • Mother Revolution
  • Riot Poof
  • Spring Haze
  • Gasoline Girls
  • Precious Things
  • Tombigbee
  • Body and Soul

Meine persönlichen Highlights waren oftmals eher kleine Momente, wie zum Beispiel der Bass und generell das Intro von „Shush“. Das Intro von „Bliss“ ging mir ans Herz – aber das Geklapper eines Percussion-Instruments von Earl Harvin ging mir an der Stelle leider eher auf die Nerven und brachte mich aus dem Gefühl, und die Harmonien der Backgroundsängerinnen waren bei diesem Song einerseits wunderschön, mir persönlich aber auch viel zu laut – sie übertönten Tori Amos mehr, als dass sie sie unterstützten. Bei – ich glaube – „Crazy“ wurde der Background animiert und beleuchtet wie blaues Wasser – das passte wunderbar zum Song, und die Gesangsharmonien und der Kontrabass gefielen mir sehr gut dazu. Eines der besten Arrangements des Abends, würde ich sagen, ansonsten hatte ich damit leider des Öfteren so meine Probleme. „Bells for Her“ begann fast ausschließlich mit Toris Gesang und Klavierspiel – endlich schien ein wenig ihrer alten Magie durch. Leider störte mich dann dort aber auch schnell wieder das Schlagzeug dazu. Danach kam Blues-Feeling auf, denn Harvin und Evans gaben ein kleines instrumentales Interlude, welches beim Publikum sehr gut ankam. „Spring Haze“ gefiel auch mir dann sehr! Angestrahlt von oben von einem einzigen Strahler ging Tori komplett in ihrem Spiel auf, schaute manchmal lächelnd Richtung Decke, wirbelte ihre Haare, hauchte ins Mikro – dieses eher Minimalistische ist es, was für mich die Magie von Tori Amos ausmacht. Und so viel Gefühl. Mein liebster Song und Gänsehautmoment war schließlich bei „Precious Things“ – einfach einer meiner „all time fave“-Songs! Auch das Publikum feierte ihn mit Standing Ovations und verabschiedete Tori und Crew damit kurz von der Bühne. Natürlich kamen sie aber schnell für die Zugabe zurück, die aus zwei weiteren Songs bestand und für die das Publikum auch komplett stehen blieb.

Fazit

Tja… Um ehrlich zu sein, auch nach einer Nacht „d’rüber schlafen“ weiß ich noch immer nicht so recht, was ich von diesem Konzert halten soll. Mir fehlen ein bisschen die Worte – und dass leider nicht vor Begeisterung. Ich war enttäuscht. Bin ich noch immer. Und es tut mir so unfassbar leid, dass so zu sagen, denn Tori Amos ist meine Lieblingssängerin, ich verehre sie. Aber deswegen kann ich mir das Konzert trotzdem nicht schön reden. Dies ist meine persönliche Meinung und die deckt sich übrigens nicht mit der des restlichen Publikums, deshalb mag ich das Ganze noch einmal differenzierter beleuchten.

Erst einmal: Isaac Levi als Voract hat mir richtig gut gefallen. Wie er dort auf der Bühne stand, nur er mit seiner Gitarre und Vocal-Pedal – das hat mich sehr an Amos’ Anfangszeit erinnert (einfach wegen dem „allein auf der Bühne“) und in gewisser Weise einen Kreis für mich geschlossen. Sowohl seine eigenen Songs als auch sein Cover des Goo Goo Dolls Klassikers „Iris“ haben mich sehr bewegt. Abgesehen von den Songs und seiner tollen Stimme gefiel mir auch seine ruhige, klare Art. Er war sympathisch und nahbar und hat das Publikum im Metropol Theater – auch wenn es sich anfangs geziert oder vielleicht nicht ganz getraut hat – sogar zum Mitsingen gebracht. Singer-Songwriter at its best, und ich würde mich sehr freuen, ihn eines Tages auf der Seebühne zu sehen! Das wäre einfach ein richtig tolles Match.

Was den Auftritt von Tori Amos angeht: Das Publikum an sich war absolut begeistert, hat jeden einzelnen Song wirklich frenetisch mit Applaus und Jubelrufen und Tori selbst sowie die Musiker und Backgroundsängerinnen mit Standing Ovations gefeiert. Es fiel einigen auch sichtlich schwer, nicht von den Sitzen aufzuspringen und mitzutanzen. Und ich muss auch klar sagen, dass es NICHT so war, dass Tori Amos schlecht gewesen wäre – aber ich hatte mich im Vorfeld irre auf das Konzert gefreut und sehr hohe Erwartungen daran gehabt, und das war vermutlich der, mein(!), Fehler. Ich habe sie vor 25 Jahren auf ihrer „Strange Little“-Tour in Hamburg live gesehen, und dieses Konzert hat sich mir, nicht detailliert, aber emotional, einfach so krass eingebrannt. Es war eines der besten Konzerte, die ich je erlebt habe, wenn nicht sogar DAS beste. In meiner Erinnerung war der Saal des CCHs riesig, und Tori Amos war ganz allein auf der Bühne und beherrschte diese den kompletten Abend. Nur sie, ihre Klaviere und ihre atemberaubende Stimme, dazu die Songs vom „Little Earthquakes“-Album – es war magisch und unfassbar berührend. Diesen Zauber habe ich gestern Abend leider nicht verspüren können. Nur ganz kurz (und später bei „Spring Haze“ und „Precious Things“) kam ein ähnliches Gefühl wie damals bei mir an. Ja, es war schön, sie wieder mal live zu erleben. Ja, der Abend war atmosphärisch, und Tori Amos ist immer noch eine begnadete Virtuosin am Klavier und bezaubernde Sängerin. Aber mir fehlte die Verbindung. Sowohl die Interaktion mit dem Publikum als auch untereinander auf der Bühne fand in meinen Augen kaum statt. Die meiste Zeit wirkte jede:r für sich wie eine eigene kleine Insel. Auch die Arrangements haben mir oft nicht gefallen. Ich weiß zum Beispiel nicht, was für ein Instrument es genau war, das Schlagzeuger Earl Harvin zwischendurch u. a. bei „Bliss“ verwendet hat – von weitem würde ich sagen, eine Ziegenhufrassel oder Ähnliches – aber dieses Geklapper hat mich persönlich sehr gestört. Der Harmoniegesang der Backgroundsängerinnen war, gerade mit Tori Amos zusammen, teilweise wirklich richtig schön, teilweise aber auch zu laut und – wie sage ich das? – mir persönlich manchmal einfach zu viel. (Mittlerweile habe ich aber auch gelesen, dass sich Amos’ Stimme verändert hat und die Backgroundsängerinnen teilweise die höheren Parts übernehmen sollen, mit anderen Worten nicht einfach nur schön klingen sollen, sondern tatsächlich auch eine vielleicht nötige Funktion übernehmen.) Generell fand ich den Ton an diesem Abend leider auch wieder schlecht abgestimmt und allgemein zu laut, aber vielleicht war diese pompöse Wirkung auch gewollt, ich weiß es nicht. Ich hatte eher das Gefühl, man wolle eine größere Halle beschallen, anstatt den wunderschönen Saal des Metropol Theaters. Auch wenn ich nach wie vor persönlich mit dem Konzertabend hadere, so bleibt ein Fact doch trotz allem fest bestehen: Tori Amos ist für mich eine absolute Queen und Lioness, noch immer eine der größten Künstlerinnen unserer Zeit und meine absolute Lieblingssängerin! Und ansonsten darf ich mir als persönliches Learning vielleicht einfach mitnehmen, dass ich nicht zu sehr an dem Alten festhalten darf, sondern beim nächsten Konzert einfach nur mit Vorfreude und – sagen wir mal – präsent im Moment im Publikum sitzen werde.