Was für ein Abend! Im Rahmen seiner „Deja Vu“-Tour spielte Clueso am vergangenen Donnerstag vor ausverkauften Rängen auf der Seebühne Bremen und brachte sogar die Tribünen zum Beben.

Es war ein Kontrast, der kaum größer sein könnte: Während die Tribünen bei Gregor Meyle am Sonntag leider komplett leer waren, drängten sich die Menschen am Donnerstagabend bei Clueso dicht an dicht. Das Konzert war restlos ausverkauft. Nicht nur die Tribünen, sondern auch der unbestuhlte Bereich vor der Bühne waren voll. Zum Glück, kann ich nur sagen, denn bei dieser Energie war Tanzen – so weit möglich – Pflicht!

Support: YOLA

Als Voract trat die 22-jährige Newcomerin YOLA auf. Die Essenerin veröffentlicht eigentlich erst seit gut zwei Jahren Musik, mischt aber seit ihrer Debütsingle „nimmerland“ die deutsche Indie-Pop-Szene ordentlich auf. Begleitet von einem Akustikgitarristen und Beats vom Handy performte sie gut 30 Minuten auf der Bühne. Auch wenn altersbedingt wahrscheinlich nur wenige im Bremer Publikum bisher von ihr gehört hatten, kam sie mit ihrer Mischung aus persönlichen Texten, einer warmen, klaren Stimme und ihrer kommunikativen Art sehr gut an. Eine gewisse Nervosität war ihr zwar anzumerken, doch das machte ihren Auftritt umso sympathischer. „Voll toll, dass ihr alle so viel applaudiert und so toll zuhört, danke! Das habe ich auch schon anders erlebt.“ Mehrfach bedankte sie sich überwältigt. Beim Song „Briefe an meinen Bruder“ gab YOLA Einblicke in ihre eigene familiäre Vergangenheit: „Gibt es hier Scheidungskinder? Ich bin auch eins. Meinem Bruder ging es damals nicht so gut, deshalb habe ich diesen Song für ihn geschrieben. Der ist eigentlich total traurig, aber ich möchte den trotzdem gerne spielen. Ja, tut mir leid, da müssen wir jetzt alle durch.“ Zusammen mit „Dani Lia“ performte sie dann noch ihren gemeinsamen Song „disstrakt“, der in jener Nacht Premiere feierte. Glückwünsche dazu!

Clueso – immer für eine Überraschung gut

Pünktlich um 20 Uhr betrat Clueso die Bühne und eröffnete sein Set gleich mit einem seiner größten Hits „Chicago“. Kein Wunder, dass das Bremer Publikum sofort dabei war! Das fiel auch dem Erfurter positiv auf. Er bedankte sich immer wieder für die tolle Energie und fühlte sich auf der Seebühne sichtlich wohl. Ebenso dankte er den rund 3 400 Menschen, die gekommen waren, und betonte, dass es nicht selbstverständlich sei, „diese wunderschöne Location” ausverkauft zu bekommen. Nach dem ersten Song fiel das Banner hinter ihm, auf dem ganz schlicht und schwarz auf weiß „Deja Vu“ (der Name des aktuellen Albums) gestanden hatte, zu Boden und gab seine neunköpfige Band preis. Es folgte eine gut zweistündige fette Party. Clueso hatte eine unfassbare Energie auf der Bühne, die einfach alle mitriss, und ließ sie in einer ausgesprochen guten Mischung aus neuen Songs, wie „Gib mir was Echtes“, „Verrückter Sommer“ und „Minimum“ und altbekannten Hits fließen. Ob „Neuanfang”, „Sag mir, was du willst”, „Zusammen” oder „Flugmodus” – die Setlist ließ keine Wünsche offen. Setlists dienen Clueso ohnehin nur zur groben Orientierung, da er sie je nach Stimmung gerne abändert oder auf spontane Zwischenrufe aus dem Publikum reagiert. So schob er zum Beispiel auf spontanen Wunsch hin „Barfuß” zwischen, obwohl er eigentlich gerade dabei war, eine Anekdote zu einem anderen Song zu erzählen.

Eine weitere Besonderheit in Bremen war der Überraschungsauftritt von Daryan. Der 15-jährige Oldenburger war 2025 Teil von Cluesos „The Voice Kids“-Team und hatte es in der TV-Show sogar bis ins Finale geschafft. Auf der Seebühne fühlte er sich sichtlich wohl. Er performte den Prince-Klassiker „Purple Rain” und unterstrich damit, warum Clueso ihn in der TV-Show einst als „Rampensau” bezeichnet hatte. An diesem Abend überließ Clueso seinem ehemaligen Mentee für einen Moment komplett die Bühne. Danach lobte er ihn nicht nur für sein Talent, sondern auch dafür, dass er „dranbleibt”. Super sympathisch!

Auch der gesamte Auftritt von Clueso war sympathisch. Er flachste ständig mit dem Publikum, jammte mit seiner Band und ließ seine Energie tanzend und mit Jubelrufen raus. Er war ein wahrer Wirbelwind. Clueso hatte aber auch einiges zu erzählen. „Ich wurde angehalten, nicht so viel zu labern, aber das ist eigentlich nur ein Zeichen, dass ich mich wohlfühle“, verriet er dem Bremer Publikum schon recht zu Anfang. Zur großen Freude der Anwesenden flocht er immer wieder Anekdoten über die Entstehung seiner Songs und seine Weggefährten ein. Bevor er „Cello” sang, erzählte er beispielsweise von einigen gemeinsamen Momenten mit seinem Freund Udo Lindenberg: Nach der einen oder anderen durchfeierten Nacht im „Atlantic” wollte Lindenberg oft noch den Sonnenaufgang bewundern. Da Clueso aber irgendwann „schlapp machte”, schickte er ihm einfach Fotos der aufgehenden Sonne. Solche persönlichen Geschichten sind es, die für mich Live-Konzerte ausmachen!

Clueso selbst gefiel der Auftritt so gut, dass er gar nicht mehr aufhören wollte. Als er und seine Band dann zum Ende des Abends zur Zugabe auf die Bühne zurückkehrten, erzählte er von einer „Strafuhr, die rückwärts zählt. Keine Ahnung, wie viel man da zahlen muss. Oder wer das zahlt. Wenn es nach mir ginge … Aber ich bin ja auch nur ein kleiner Angestellter!” Trotzdem beglückte er die Fans mit drei weiteren Songs: „Achterbahn”, „Gewinner” und „Du warst immer dabei”. Das Bremer Publikum, das von Anfang an ungewöhnlich aktiv war, feierte Clueso und seine Band mit Standing Ovations und Fußtramplern auf den Tribünen. Während die Musiker die Bühne bereits verlassen hatten und sich die Menge Richtung Ausgang schob, waren aus dem Off noch Cluesos letzte Worte des Abends zu vernehmen: „Es ist so viel Verrücktes in der Welt. Tragt diese Energie von heute, diese Liebe, weiter!“

Fazit:

Woah, was für eine Energie! Ich habe definitiv schon lange nicht mehr so viel getanzt und mitgesungen wie bei diesem Konzert. Ich habe Clueso bisher erst einmal live bei „All Hands on Deck” in der Bullerei gesehen. Das war ein ganz anderer Rahmen und Vibe. Auch das war toll und sehr besonders, aber nicht annähernd so überwältigend und mitreißend wie auf der Seebühne. Vor einigen Tagen schrieb ich noch, dass ich bei Gregor Meyle meinen bisher schönsten „Seebühne-Moment” hatte. Der Auftritt von Clueso war für mich aber das beste Seebühnen-Konzert überhaupt!

Fotos: Roswitha Weber